Auf Messers Schneide.
Der Chirurg Ferdinand Sauerbruch zwischen Medizin und Mythos
 

Die Ausstellung ‚Auf Messers Schneide‘ zeigt „den ganzen Sauerbruch“. Am Beispiel des wohl bekanntesten deutschen Chirurgen des 20. Jahrhunderts wird eine medi­zi­nische Persönlich­keit thematisiert, die in ihrer Ambivalenz zwischen ärztlichem Ethos und politischer Verstrickung wie kaum eine zweite Figur der jüngeren Medizingeschichte die Gemüter bis heute spaltet. Den einen ist Ferdinand Sauerbruch weitgehend ungebrochen der geniale Operateur, der alle Patienten, gleich welchen Standes, politischer Auffassung und religiösen Bekenntnisses, gleich behandelte und nur eines wollte: mit seinem Messer heilen. Dabei betrat er durchaus medizinisches Neuland. So entwickelte er mit der von ihm erdachten Unterdruckkammer eine effiziente Brustraumchirurgie, konzipierte und realisierte mit dem so genannten „Sauerbrucharm“ eine aktive Prothetik, ermöglichte mit der von ihm modifizierten Umkipp-Plastik bei Patienten mit schweren Oberschenkelverletzungen die Ausbildung eines Stumpfes zur Anlage einer funktionalen Beinprothese und wagte erste schwierige Eingriffe am freigelegten Herzen. Die anderen sehen in ihm vor allem den national-konservativ denkenden Befürworter des NS-Regimes, hohen Militärmediziner, Staatsrat und Nationalpreisträger im so genannten Dritten Reich sowie einen maßgeblichen medizinischen Fachgutachter im Reichsforschungsrat, der von medizinischen Versuchen in Konzentrationslagern Kenntnis hatte und dagegen seine Stimme öffentlich nicht erhob. Ihnen gilt er als eine wesentliche medizinische Stütze der NS-Diktatur.

Kürzlich zeigte die ARD mit großer Resonanz die zweite Staffel der historischen Charité-Serie. Im Zentrum stand Ferdinand Sauerbruch und sein Wirken an der Berliner Charité. Mit der Fokussierung der Handlung auf die Jahre 1943 bis 1945 und die Einbettung der historischen Begebenheiten an der Charité in einen fiktiven Unterhaltungsrahmen wurden Leben und Wirken Sauerbruchs zeitlich sehr eng gefasst präsentiert. Entwicklung und Verflechtungen dieser historisch reichen Figur konnten nur andeutungsweise wiedergespiegelt werden.

Vor diesem Hintergrund verfolgt das Berliner Medizinhistorische Museum (BMM) der Charité die Idee, ergänzend zur Fernseh­serie in einer biografisch angelegten Sonderaus­stellung das gesamte Leben Sauerbruchs in seinen medizinischen, gesellschaftlichen und politischen Dimensionen zu würdigen. Als Kind seiner Zeit soll der Chirurg in seinen Leistungen und Ambitionen sowie in seinen Haltungen und Beziehungen anschaulich sichtbar werden. Die weit gefächerten Facetten der Sauer­bruch­schen Persönlichkeit bieten in ihrer spannungsreichen Ambivalenz die ideale Grund­lage für eine Diskussion darüber, was ein Leben für Medizin und Wissenschaft in Verant­wortung bis heute ausmacht.

 

Auf dem Weg nach Berlin

Die Ausstellung zeichnet den Werdegang Sauerbruchs aus kleinbürgerlichen Verhältnissen bis in den Olymp der deutschsprachigen Medizin an der Charité und in die Schaltzentralen der politischen Macht sowie auf die gesellschaftlichen Bühnen in Berlin nach. Sie setzt ein mit einer Betrachtung der familiären Verhältnisse, in welchen Ferdinand Sauerbruch – ohne den früh verstorbenen Vater, jedoch stark geprägt durch seinen Großvater, einen talentier­ten Schumacher, – im westfälischen Elberfeld in der Obhut von Mutter und Tante aufwächst. Nach dem Medizinstudium in Marburg, Jena und Leipzig folgt sie ihm über seinen beruf­lichen Einstieg im Erfurter Krankenhaus an seine erste, für ihn prägende Station: an die Chirurgische Universitätsklinik in Breslau. Maßgeblich gefördert durch seinen dortigen Chef, Johannes von Mikulicz-Radecki, entwickelt er ein neues Operationsverfahren. Mit einer 1904 eigens konstruierten Unterdruckkammer gelingen ihm erstmals ausgedehntere Operationen am offenen Brustkorb. In der Aus­stellung markiert der Nachbau einer derartigen Kammer den zentralen Fix- und Ausgangs­punkt für Sauerbruchs steile Karriere auf chirurgischem Gebiet, die ihn in kurzen Zeiträumen über Greifswald (1905) und Marburg (1907) an die renommierte Chirurgische Klinik des Züricher Universitätsspitals führt (1910).

Bereits früh gewinnt die Persönlichkeit Sauerbruchs nicht nur als Homo medicinae, sondern auch als Homo oeconomicus und Homo politicus Kontur. In seinem beruflichen Alltag profiliert er sich, seinem cholerischen Naturell geschuldet, zunehmend als autoritärer Chef und Fach­despot. Dabei behindert er letztlich auch auf seinem Kerngebiet, der Chirurgie, Entwick­lungen, etwa die Einführung der Überdruckbeatmung in der modernen Anästhesie, die – anderenorts eingeführt – in Deutschland erst relativ spät zum Tragen kommen.

Einen zweiten medizinischen Fokus setzt die Ausstellung auf Sauerbruchs Entwicklungen in der Prothetik. Unter dem Eindruck der vielen Versehrten des Ersten Weltkriegs konzipiert er in Zürich die nachmals als „Sauerbrucharm“ weite Verbreitung findende Unterarmprothese, mit welcher die Prothesenträger einfache, definierte Handgriffe aktiv ausüben konnten. Seit 1918 als Ordinarius und Direktor der Chirurgischen Universitätsklinik in München tätig, ent­wickelt er 1922 überdies eine Modifikation der so genannten Umkipp-Plastik. Dabei handelt es sich um eine ausgedehnte Operation mit Entfernung eines unrettbar verletzten oder krank­haft veränderten Oberschenkelknochens und Drehung, Hochverlagerung und Einpas­sung des Unterschenkelknochens in die Hüftpfanne zum Aufbau eines Beinstumpfes, an den eine Prothese angeschlossen werden konnte.

Parallel zu seinen universitären Verpflichtungen dehnt der ausgeprägt national-konservativ gesonnene Sauerbruch sein ärztliches Wirken sowohl in Zürich, als auch in München immer stärker auch auf die militärische und politische Bühne aus. So fährt er während des Ersten Weltkrieges an den Wochenenden über die Schweizer Grenze, um in deutschen Lazaretten zu operieren. Dabei bedient er sich auch chirurgischer Instrumente, die er aus Zürich über die Grenze mit sich führt, und provoziert damit in der neutralen Schweiz einen handfesten Skandal. In München operiert er 1919 nicht nur den Mörder des ersten Bayerischen Minister­präsidenten Kurt Eisner, sondern deutet auch Sympathie für diese Aktion an. Schon 1920 lernt er Adolf Hitler persönlich kennen. 1923 schickt er einen Assistenten zu Hitler, der nach dem gescheiterten Novemberputsch in Uffing am Staffelsee untergetaucht ist, um ihn an der verletzter rechten Schulter zu behandeln.

Eine dritte medizinische Marke setzt die Ausstellung mit Blick auf Sauerbruchs Herz­opera­tionen. Bedingt durch die Möglichkeiten, die der Operateur mit seiner Brustraumchirurgie geschaffen hat, wagt sich Sauerbruch in den 1920er und 1930er Jahren auch an Eingriffe am freigelegten Herzen. So entfernt er bei einigen Patienten Kalkmanschetten, die sich im Zuge chronischer Entzündungsprozesse im Herzbeutel gebildet und damit das so entstandene „Panzerherz“ in seiner Ausdehnung behinderten. Schließlich gelingt ihm 1931 auch die opera­tive Korrektur einer krankhaften Aussackung der Herzwand, eines so genannten Aneurysmas. Bei diesen operativen Maßnahmen wird klar, dass Sauerbruch oft auch mit sehr viel Chuzpe agiert und dabei höchst spontan und intuitiv sein Glück als Chirurg in die Waag­schale legt, um in konkreten Operationssituationen zu bestehen. Seine Erfolge tragen letztlich dazu bei, dass er in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zum Star der deutschen Chirurgenszene avanciert.

 

Im Berliner Zenit: Zwischen OP und Politik

Im Zentrum der Ausstellung steht das Wirken Sauerbruchs in Berlin, wo der Meisterchirurg mit seiner Berufung an die Charité 1927 die Spitze seiner Karriere erklimmt. Die Präsentation baut sich über drei wesentliche Wirkorte des Mediziners innerhalb der Stadt – und damit auch über wichtige zeitliche Stationen seines Werdegangs an der Spree – auf: Im Operations­hörsaal in seiner Chirurgischen Klinik, ausgestattet mit einer eigens konstruierten verglasten Zuschauergalerie, vollführt und demonstriert der Chirurg alle operativen Eingriffe, für die er berühmt geworden ist. Im Operationsbunker, der in den letzten Jahren des Zweiten Welt­kriegs eigens für ihn erbaut wird, operieren Sauerbruch und seine Mitarbeiter – hierzu ge­hört letztlich auch seine zweite Frau, Margot Sauerbruch, die er 1939 geheiratet hat – bis zum Kriegsende in Berlin-Mitte am 2. Mai 1945. Zwischen der rasch bis Ende 1945 wieder für die Krankenversorgung in Betrieb genommenen Charité und seiner Privatklinik in West-Berlin erstreckt sich der Sauerbruchsche Aktionsradius nach dem Krieg, bis der Chirurg schließ­lich, von den Folgen einer fortschreitenden Arteriosklerose deutlich gezeichnet, 1951 in Berlin verstirbt.

Der „medizinische“ Sauerbruch wird im Berliner Schwerpunkt der Ausstellung gerahmt, durchzogen und geweitet durch den „politischen“ Sauerbruch. Vor allem für die Zeit von 1933 bis 1945 tritt dabei eine Persönlichkeit in Erscheinung, die in seinen sich durchaus entwickelnden und wandelnden Haltungen, Auffassungen, Ansichten, Ambitionen und Aktionen in einer Ambivalenz sichtbar wird, die in einem Menschenleben kaum integrierbar erscheint. Ein Zentralobjekt ist in diesem Ausstellungsraum das große Sauerbruch-Porträt, in Öl gemalt von Max Liebermann, das den selbstbewussten Chirurgen sitzend in leicht zurück­gelehnter und durchaus nachdenklicher Pose zeigt. Sauerbruch und der jüdische Malerfürst waren am Westufer des Wannsees Nachbarn. Und sie waren sich in herzlicher Freundschaft zugeneigt, wobei der Chirurg den Künstler auch medizinisch betreute. Als Max Liebermann 1935 stirbt, gehört Sauerbruch zu den wenigen Persönlichkeiten, die dem Leichenzug Lieber­manns folgen und an der Bestattung teilnehmen.

Deutlich wird in der Ausstellung gezeigt, dass Sauerbruch entgegen der erklärten Staatsräson kein Antisemit war, dass er, im Gegenteil, jüdischen Kollegen, die er fachlich schätzte, wie etwa seinen Stellvertreter Rudolf Nissen, ins Exil verhilft. Als bekennendem Internatio­na­listen sind Sauerbruch zudem stets die Kontakte ins Ausland, die Anerkennung ausländischer Kollegen und letztlich auch ein gewisses Maß an Verständnis außerhalb Deutschlands für den Weg wichtig, den die deutsche Medizin unter den gegebenen politischen Verhältnissen eingeschlagen hat. Sauerbruch tritt nie in die NSDAP ein. Allerdings, und dies öffnet die andere politische Seite seiner Persönlichkeit, begrüßt der exponierte Chirurg zusammen mit anderen Hochschullehrern 1933 in einer schriftlich niedergelegten Adresse und in einer Rundfunkansprache ausdrücklich die Machtergreifung Hitlers. Er sieht darin eine Chance, dass Deutschland nach den Jahren der Schmach und Erniedrigung im Gefolge des Ersten Weltkriegs wieder in sein genuines Wesen eingesetzt würde und zu altem Selbstbewusstsein und zu früherer Größe aufsteigen könnte.

Die Ausstellung macht deutlich, wie sich Sauerbruch als Exponent der deutschen Medizin auf politischer Bühne in den Dienst nehmen und für politische Ziele instrumentalisieren lässt. So wird er 1934 zum Staatsrat ernannt und akzeptiert 1937 – zusammen mit seinem Vorgänger im Berliner Amt, August Bier – den als Gegenauszeichnung zum Nobelpreis durch Adolf Hitler ausgelobten und erstmalig verliehenen Deutschen Nationalpreis für Kunst und Wissenschaft.

Die Einbindung Sauerbruchs in das politische Gefüge des so genannten Dritten Reichs macht die Ausstellung insbesondere auf militärmedizinischem Terrain deutlich. Als Generalarzt des Heeres nimmt er nicht nur Inspektionen in militärischen Stellungen des Zweiten Weltkriegs vor und wirkt beratend für hochrangige politische Entscheidungsträger. Auf wehrmedizini­schen Tagungen erfährt er auch von Menschenversuchen, die, als kriegswichtig deklariert, in Konzentrationslagern an Lagerhäftlingen durchgeführt worden sind, so etwa die Gasbrand­versuche an internierten polnischen Zwangsarbeiterinnen im Konzentrationslager Ravens­brück, … und schweigt.

Als bedenklichste Seite des medizinischen Wirkens Sauerbruchs während des Nationalsozia­lis­mus thematisiert die Ausstellung die Rolle des Chirurgen als medizinischer Fachgutachter im Reichsforschungsrat. Seit 1937 in dieser Funktion, gehen bis zum Kriegsende zahllose Forschungsanträge und -berichte über seinen Tisch. Darunter finden sich auch Schriftstücke, die auf Menschenversuche im Konzentrationslager oder auf die ‚Zuarbeit‘ aus Konzentra­tions­lagern Bezug nehmen. Es ist davon auszugehen, dass Sauerbruch auch hiervon Kenntnis hatte und nicht widersprach.

Auch wenn Sauerbruch im ärztlichen Alltag eine Hierarchisierung und Priorisierung seiner Patientenschaft stets ablehnt, sich mit Fortdauer der nationalsozialistischen Herrschaft kritisch zur Persönlichkeitsstruktur Hitlers äußert, sich ausdrücklich gegen den Krankenmord (Euthanasie-Aktion T4) stellt und in den Jahren des Zweiten Weltkriegs um widerständige Bestrebungen in seinem beruflichen und privaten Umfeld weiß sowie etliche aktive Wider­ständler persönlich kennt und diesen in seinem Haus am Wannsee konspirative Zusam­men­künfte ermöglicht, stabilisiert er mit seiner ethisch unreflektierten „offenen“ Forschungshal­tung das nationalsozialistische Gesellschaftsmodell von medizinischer Seite bis zuletzt.

 

Der Mythos wächst

Für die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg wirft die Ausstellung einen Blick auf die Rolle, die Sauerbruch – durch die Sowjetische Militäradministration für etliche Monate als Stadtrat für das Gesundheitswesen eingesetzt – für den Neuanfang an der Charité und in der Berliner Medizin spielt. Dabei wird seine Zurückhaltung hinsichtlich der Aufarbeitung der Medizin­ver­brechen im Nationalsozialismus im Allgemeinen wie auch in Bezug auf seinen persönlichen Eintrag im Besonderen erwähnt. Schließlich zeigt die Ausstellung, wie er, durch Alter und Krankheit gezeichnet, letztlich nicht von etwas lassen kann, das ihm immer seine große Leidenschaft gewesen ist: das Operieren.

Den Schlusspunkt setzt die Ausstellung, im Sinne eines Epilogs, mit einer eingehenden Betrachtung der Ausformung und Verfestigung des Mythos Sauerbruch nach dessen Tod. Bediente Sauerbruch bereits früh zu seinen Lebzeiten gerne selbst – unter Rückgriff auf alle verfügbaren Medien (Presse, Rundfunk, Wochenschauen) – das Bild eines genialen Arztes der Tat, eines sich stets nur um das Wohl des Kranken besorgenden „Halbgottes in Weiß“, so werden diese Facetten eines benevolenten polternden Ärztepatriarchen durch das noch 1951 erscheinende, von einem Journalisten verfasste und somit pseudo-autobiografische Werk „Ferdinand Sauerbruch. Das war mein Leben“ sowie den darauf aufbauenden 1954 erstmalig ausgestrahlten Kinofilm gleichen Titels überhöht und nachhaltig im kollektiven Bewusstsein der Öffentlichkeit verankert, während seine politischen, gesellschaftlichen und auch medizinischen Schattenseiten bis heute nahezu restlos ausgeblendet sind.

Die Ausstellung will mit dem „ganzen“ Sauerbruch das volle Spektrum eines höchst zwiespältigen medizinischen Persönlichkeitsprofils aus dem Berlin des 20. Jahrhunderts vorstellen. Damit soll eine Projektions- und Diskussionsfläche für die Frage geschaffen werden, was ein verantwortungsvolles Denken und Handeln in einer menschenwürdigen Medizin und Wis­senschaft zu unterschiedlichen Zeiten ausmacht. Weiterhin soll gefragt werden, in wie weit und mit welchen Zielsetzungen derartig propagierte Ärzteprofile bis heute in der öffent­lichen Wahrnehmung nachgefragt und bedient werden. Schließlich soll eine Debatte darüber angeregt werden, wie unter diesen Umständen eine sachgerechte und spannende Würdi­gung einer Medizin in Verantwortung mitten in Berlin stattfinden könnte und sollte.