KOPFARBEIT

Videoperformances von Eva Wandeler
 
Freundlichkeit oder Gemeinheit, Intelligenz oder Dummheit, Gefühl und Charakter – all das sind Qualitäten, von denen wir glauben, dass wir sie im Gesicht und am Schädel anderer ablesen können. Doch was wir tatsächlich sehen, sind Formen und Proportionen, Eigenschaften „lesen“ wir dagegen aufgrund unserer kulturellen Erfahrungen in diese hinein. Durch Masken, Schminke oder Operationen verändert sich die Erscheinung des Kopfes. Wie können wir also glauben, dass sich vom Äußeren auf das Innerste schließen lässt?
 
Die Beziehungen zwischen Innen und Außen, zwischen Form und Formverlust, zwischen Identität und Monstrosität sind Themen von Eva Wandelers Videoperformances. Diese sind in der Auseinandersetzung mit Gesichts- und Schädelformen und den Praktiken der Plastischen Chirurgie entstanden. Mit Schminke und Maske führt die Schweizer Künstlerin hier ästhetische Operationen am Kopf durch, die die Frage aufwerfen, wie wir Form und Charakter aufeinander beziehen. Sie erkundet ihren eigenen Körper, um mit so einfachen wie wirkungsvollen Mitteln tief greifende Veränderungen sowohl seiner Wirkungs- als auch seiner Ausdrucksweise zu erzielen.
 
Wandeler nennt diese Mittel tools, also Werkzeuge oder Instrumente. In einer ersten Serie sind ihre tools Masken aus Eis, Schokolade, Milch und Gelatine, die sich die Künstlerin auf das Gesicht legt. Sie filmt, was passiert, wenn die Masken schmelzen oder reißen. Obwohl das Material im Prozess der Desintegration nur seinen physikalischen Eigenschaften folgt, entstehen teils verstörende, teils lächerliche Fratzen. Wir können nicht anders, als in diese zufälligen Formveränderungen menschliche Regungen und Charaktere hineinzulesen. Erst nach der vollständigen Auflösung der Maske kommt die unversehrte Oberfläche des Gesichts wieder zum Vorschein.
 
In einer zweiten Serie benutzt Eva Wandeler als tool Theaterschminke. Sie bemalt sich das Gesicht und bringt es auf diese Weise zum Erscheinen oder zum Verschwinden. Während dieses Prozesses wirkt die Unsichtbarkeit von Teilen des Gesichts wie eine körperliche Versehrtheit. Wie viel Farbe muss man also auftragen, damit die Form als intakt wahrgenommen wird; wie viel von der Kontur kann entfernt werden, bevor der Kopf deformiert erscheint? In ihren Videoarbeiten versucht Wandeler, künstlerische Antworten auf Fragen zu finden, denen sich Medizin und Medizingeschichte mit Blick auf Krankheit und Heilung widmen.
 
Eine Intervention kuratiert von Uta Kornmeier und Dirk Naguschewski
Zentrum für Literatur- und Kulturforschung Berlin
 
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