4cm²

Intervention von Linda-J. Knop im Präparatesaal des Berliner Medizinhistorischen Museums der Charité

Das histologische Präparat
Mikroskopische Präparate sind wichtige Objekte der Medizin und Naturwissenschaft. Das Erkennen von Strukturen und Beziehungen unter dem Mikroskop bringt jedoch keine unmittelbare Erkenntnis. Die Beobachtungsgegenstände müssen zunächst in mehreren Schritten hergestellt werden: Schneiden, Fixieren, Färben und Trocknen. Zwischen Objektträgern und Deckblättchen, auf annähernd 4cm², werden gefärbte Organschnitte des menschlichen und tierischen Körpers identifiziert und diagnostiziert. 
Der geschulte Blick des mit einem Mikroskop bewaffneten Auges erkennt feinste anatomische und pathologische Strukturen. Schwierig ist die museale Präsentation von mikroskopischen Präparaten: Sie richtig zu deuten, erfordert Vorwissen; werden sie, wie im Labor, unter einem Mikroskop zugänglich gemacht, verschwinden sie häufig unter der Apparatur. Auch durch ein direktes Zeigen kann interessierten Laien nicht vermittelt werden, was zu sehen ist, denn sie wissen nicht, was sie sehen sollten und könnten.

Annäherung und Aneignung
Die Betrachtung der so gefertigten Artefakte mit dem bloßen Auge bleibt jedoch verführerisch und befremdlich. Denn zwischen den gläsernen Plättchen eröffnet sich ein eigener Kosmos: bunte Farben und absonderliche Formationen werden zu abstrakten Bildern.
Die Kasseler Künstlerin Linda-J. Knop betrachtet histologische Objekte ohne Mikroskop und überträgt die kleinen Bilder in großformatige Malerei. Das einstige Abbild eines Gewebes wird zum Bild, welches von seinem Ursprung abrückt und eine ästhetische und intellektuelle Eigenständigkeit entwickelt.
Die künstlerische Auseinandersetzung mit den histologischen Präparaten führt Knop hin zu den Werkzeugen und Hilfsmitteln der wissenschaftlichen Praxis. Objektträger und Präparatekasten sind Kontext und Ordnungsrahmen, in den Präparate eingebettet sind. Hier hinein setzt sie Begriffe der Philosophie und Kunst – und schlägt eine Brücke zwischen Sehen und Erkennen.

„Jeden Tag ein Präparat“
Rudolf Virchow, Gründer des Pathologischen Museums der Charité (aus dem später das Berliner Medizinhistorische Museum hervorgehen sollte), unterrichtete mit diesem Leitsatz junge Medizinstudenten und bildete mit seinen Forschungen die Grundlage der heutigen Pathologie. Stehen inzwischen im Präparatesaal des Museums vornehmlich makroskopische Feucht- und Trockenpräparate, war Virchow eigentlich Mikropathologe. Die mikropathologischen Originalpräparate des Mediziners wurden jedoch im Zweiten Weltkrieg zerstört.
Die Arbeiten von Linda-J. Knop überführen den Ursprungsgedanken Virchows erneut ins heutige Museum. Interventiv werden ihre Malereien und Objekte zwischen dem Museumsbestand installiert und eröffnen einen neuen Blickwinkel: Die Rückführung auf das mikroskopische Präparat durch die Malerei ermöglicht einen interdisziplinären Dialog zwischen Wissenschaft und Kunst – zwei Disziplinen, die letztlich doch nicht so weit voneinander entfernt sind, wie man vorerst annehmen könnte.

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