Zwillingsbilder. Röntgenfotografien von Skulpturen

Zwillinge

Ein alter Mythos besagt, dass wir, obwohl wir zumeist einzeln geboren werden, als Zwillinge gezeugt wurden. Der stärkere Zwilling umschließt den schwächeren, wobei letzterer im Inneren seines Geschwisters weiterlebt. Seit den 1970er Jahren haben neue visuelle diagnostische Verfahren wie Ultraschall und MRT gezeigt, dass in der Legende offenbar ein Keim der Wahrheit steckt; und immer wieder haben Chirurgen in ihren Patienten fremdes Zellmaterial gefunden, das als „parasitärer Zwilling“ im Körper des Geborenen lebt.

Röntgenbilder

Auch die Röntgenphotographie ist ein solches diagnostisches bildgebendes Verfahren, das durch die Körperoberfläche das Innere sichtbar macht – ob menschlich oder gegenständlich. Wenig bekannt ist, dass Röntgenstrahlen auch in Museen verwendet werden: um Kunstwerke wie Bronze-, Gips-, Holz- oder Wachsskulpturen zu durchleuchten und ihren Aufbau, materiellen Zustand und Restaurierungsbedarf festzustellen. Besonders aus weichen Materialien kann man kaum ein Bildwerk schaffen, das ohne eine innere Stütze, ein Skelett, das die bildnerische Masse trägt, auskommt. Röntgt man z.B. eine Wachsskulptur aus dem 19. Jahrhundert, erhält man ein genaues Bild ihrer Armatur, die von außen nicht wahrnehmbar im Inneren des Bildwerkes verborgen ist. Auf dem Strahlenphotogramm erscheint diese skeletale Struktur als exakt umrissenes Konstrukt, das wiederum wie ein eigenes Kunstwerk wirkt.

Skulptur

Auf den Röntgenbildern scheint es fast, als hätte die Skulptur ihr eigenes viel modernistischeres Geschwister „verschluckt“ und dadurch „entschärft“ – oder lebt vielmehr der Zwilling als ein Parasit im Körper des anderen und wartet auf den Tag, an dem er ans Licht gelangen und seinen Wirt ersetzen kann?

Die Ausstellung präsentiert eine größere Reihe von Röntgenbildern unterschiedlicher Skulpturen aus Museen innerhalb und außerhalb Berlins. Exemplarisch wird in einem Fall auch die Skulptur selbst zu sehen sein. Skulptur und Röntgenbilder werden im zentralen Präsentationsraum des Berliner Medizinhistorischen Museums der Charité direkt neben und zwischen den pathologischen Präparaten präsentiert. Diese hatten zu bestimmten Zeiten eine eigene Wesenheit im Organismus eines Menschen entwickelt und sich dadurch den Status eines, wenn auch zumeist höchst unerwünschten „Zwillings“ erworben. Der diagnostische Röntgenblick „verlebendigt“ in höchst eigentümlicher Weise die toten Skulpturen und rückt sie in ein einzigartiges künstlerisch-medizinisches Spannungsfeld zu den Präparaten.

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