jenseits des menschen

Interventionen von Rainer Maria Matysik

Künstliches Leben scheint keine Fiktion mehr zu sein. Erstmals ist es Wissenschaftlern gelungen, durch ein künstliches Genom ein lebensfähiges Bakterium herzustellen. Die rasanten Fortschritte in der Genetik und Molekularbiologie und jüngst auch in der Synthetischen Biologie haben auch in der bildenden Kunst zu neuen Formen der künstlerischen Auseinandersetzung geführt. Am 16. September 2010 wurde in der Hörsaalruine des Berliner Medizinhistorischen Museums das Ausstellungsprojekt „jenseits des menschen“ eröffnet, in dem sich der Berliner Künstler Reiner Maria Matysik mit den Potenzialen und Risiken einer biowissenschaftlich gestalteten Zukunft beschäftigt, die nur mehr einen Wimpernschlag entfernt zu sein scheint.

Die Ausstellung, die vom Berliner Medizinhistorischen Museum der Charité in Zusammenarbeit mit der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften entwickelt wurde, zeigt skulptural-installative Werke: abgründig wuchernde Lebensformen, wie sie die grenzenlose Manipulation des Lebendigen bald hervorbringen könnte. Neben Modellen „zukünftiger Lebensformen“, die in Auseinandersetzung mit der aus dem 19. Jahrhundert stammenden Moulagensammlung des Berliner Medizinhistorischen Museums aus Wachs modelliert wurden, präsentiert Matysik auch eine „lebende Skulptur“: körpereigene Zellen des Künstlers wurden mit Hilfe des Deutschen Instituts für Zell- und Gewebeersatz gezüchtet und sind zu einer skulpturalen Form verwachsen, die in Zusammenarbeit mit der Museumspräparatorin Navena Widulin präpariert wurde und so der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden kann.

Die Ausstellung an der Schnittstelle von Kunst und Naturwissenschaften wird von der Schering Stiftung aufgrund dieser engen Verknüpfung und brisanten Fragestellung sowie der künstlerisch wie wissenschaftlich hohen Qualität gefördert.

Zur Ausstellung ist der Begleitband Rainer Maria Matysik. jenseits des menschen erschienen.

In der internationalen Kunstszene wurden in den letzten Jahren zahlreiche Kunstausstellungen und künstlerisch motivierte Projekte zu den gesellschaftlichen Auswirkungen der Forschungen und Anwendungen der Biowissenschaften realisiert und neue Kunstrichtungen wie die so genannte Bio Art oder die Transgenic Art hervorgebracht. In Deutschland fand bislang eine vergleichbare Auseinandersetzung erst vereinzelt statt und findet nun mit den Arbeiten von Reiner Maria Matysik einen umfassenderen Ausdruck.

Begleitend zur Ausstellung wurde die interdisziplinäre Tagung „Leben 3.0 und die Zukunft der Evolution“ mit Experten aus den Kultur- und Biowissenschaften vom 16. bis 17. September veranstaltet. Sie fand in der Hörsaalruine des Berliner Medizinhistorischen Museums der Charité und im Einstein-Saal der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften statt.

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